Gerhard Fischer

Die Takte 1315-1326.
Dritter Akt, 2. Szene

Lulu.
Opernfragment von Alban Berg

I

Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts geriet Alban Berg in eine bedrohliche Isolation, sowohl musikalisch durch das Vordringen des Nationalsozialismus in Österreich, der das Musikschaffen der 2. Wiener Schule radikal ausgrenzte, wie existenziell - die wachsenden finanziellen Sorgen engten die bürgerliche Existenz von Helene und Alban Berg beträchtlich ein. {1}

In einem tristen Dämmerzustand hat der Komponist die letzten Jahre verbracht, eigentlich nur gespürt wie die Stunden vergehen. Sein Waldhaus in Auen am Wörthersee steht inmitten einer Wildnis, ein Haus, von dem es heissen könnte, dass es das letzte aller Häuser ist, in das sich Berg eingeschlossen hat. Aus einem rechteckigen Fenster stürzt das Mittagslicht auf den Arbeitstisch nieder, Notenhaufen schwimmen auf Notenblättern, markiert mit Violin- und Bassschlüssel, draußen verströmen Erdbeeren ihren süßlichen Duft, Löwenzahn steht vor der Tür. Im Herbst bildet sich Dampf auf den Glasscheiben, darauf man mit dem Finger schreiben kann. Wein überflutet den Zurückgelassenen.

Bergs höchste ästhetische Aufmerksamkeit gilt im Jahr 1934 der Fertigstellung der Lulu-Partitur. Der See, obwohl eislos, in Totenstille verharrend, umgibt ihn am Karfreitag des Jahres 1934. In all den Monaten gerät sein Blick an die geliebten Pflanzen: Da sind die Blüten der Kirschbäume, die Alpenrosen, der hochstielige Enzian und die Zyklamen unter den Fichten. „Alles, alles in Blüte“, schreibt er am 10. Juli an Anton Webern, „aber fast hab‘ ich nichts von all der Pracht: Ich komm ja nicht weg vom Schreibtisch und fühle mich gehetzt wie noch nie im Leben. Vielleicht hab ich im August etwas mehr Ruhe: für mich u. meine Arbeit: die Part. der Oper, die ich dann von vorne beginnen werde.“ Er sitzt am Schreibtisch, man riecht den Zigarettenrauch im Zimmer, in der Hand hält er den Füllhalter Hannas wie einen Schutzschild. Er wird die Abwesende weiter schweigend begehren und die Begierde wird sie aus der Ferne umhüllen, ohne sie anzutasten, ohne dass sie dessen überhaupt gewahr wird. {2}

Der ephebisch wirkende Jüngling Alban Berg - der aussah wie ein Engel - und der Buddha und blauen Elefanten nachsinnte, hatte den Einführungsvortrag von Karl Kraus anlässlich der Wiener Aufführung von Frank Wedekinds Büchse der Pandora am 29.Mai 1905 im Trianon – Theater aufmerksam verfolgt, und im Jahr 1928 wird er sein Lulu-Libretto mit Hannas goldener Füllfeder zu schreiben beginnen.

Wedekinds Ars Erotica hat narzisstische, masochistische Phantasien massiv freigesetzt und die Erregung der hohen, aufgepeitschten, emporgewachsenen lesbischen Empfindung auf der muschelförmigen Bühne des Fin de Siècle ausgebreitet. Erdgeist ist der erste Teil der sogenannten Lulu–Tragödie, deren Fortsetzung und Schluß unter dem Titel Büchse der Pandora 1904 aufgeführt wurde. {3}

Nach Wedekinds Dramen Erdgeist und Die Büchse der Pandora komponierte Alban Berg die Oper Lulu, er arbeitete daran zwischen 1928 bis zu seinem Tod im Winter 1935. In ein und derselben Bewegung, in der des Dramatischen und Musikalischen reflektieren Wedekind und Berg die Windungen und Drehungen der weiblichen Libido. Lulu, dieses Konstrukt aus Männerphantasien, das mörderisch auf seinen Schöpfer zurückschlägt und der Begradigung des Begehrens zu entgehen vermag, erliegt schliesslich dem vor ihr aufgerichteten Todesbild. In Jack the Ripper findet Lulu ihren erlösenden Schlächter.

Bergs furiose Akribie, sein leidenschaftliches Bestreben stets das Äußerste an Ausdrucksdichte zu erreichen, verlangte einen Balanceakt, der zwischen Buch und musikalischen Proportionen zu leisten war. Immer wieder hält er inne, Lust und Depression wechseln einander ab, nach fünf Jahren Schreibkrämpfen stehen im Lulu-Torso Kristallisiertes und Faseriges dicht nebeneinander. {4}

Den unbändigen Lust: Todesschrei Lulus setzt Berg in der Oper in Takt 1294, III. Akt, 2. Szene. Mit der Stimme im Zustand der Erektion schließt die lesbische Gefährtin Lulus, Gräfin Geschwitz, den Todesreigen. Was Marquis de Sade als Prinzip des Zartgefühls bezeichnete, materialisiert Berg in den Takten 1315-1326 (III, 2): Geschwitz: „Lulu! Mein Engel! Laß dich noch einmal sehn! Ich bin dir nah! Bleibe dir nah! In Ewigkeit!“ (sie stirbt) wellenhaft sich biegend wie ein Schwan. Mit einem tristanisch unaufgelösten Quintsextakkord endet der Liebesschwur.

Den Weg in den Somnambulismus oder in die Einsamkeit, den Wahnsinn oder den Tod sind zahlreiche Heldinnen der romantischen Oper gegangen. Die leisen und flötenhaften Töne für jede Empfindung liebender Herzen hat Richard Wagner mit Tristan und Isolde etabliert. Das hohe Lied auf die alles überbordende hyperklassische heterosexuelle Paar-Energie, die die Oper des 19. Jahrhunderts prägt, hat Berg empfindlich relativiert. Wie Meuterer nach tagelanger Verschwörung einen befestigten Platz sich zu eigen machen, so fixiert Alban Berg den lesbischen Eros im Musiktheater des 20. Jahrhunderts.

Das Particell der Oper Lulu wurde im April 1934 fertiggestellt, die Singstimmen sind vollständig ausgeführt, der Orchesterpart ist auf zwei bis drei Systemen mit spärlicher Instrumentationsangabe notiert. Im Herbst 1935 nahm Berg die Instrumentation wieder auf und gelangt bis Takt 268, III. Akt. Wie auch bei Wozzeck entstehen sinfonische Stücke aus der Oper, genannt Lulu-Suite: Im Mittelpunkt der Sinfonie steht das Lied der Lulu.

Zwölftönige Partien in den Partituren Lulu, Wozzeck, Lyrische Suite malen das Liebesbewusstsein zur großen unendlichen Liebesleidenschaft aus. Dank dieser Verzauberung setzt Berg die Metaphysik der Liebe in Gang und lotet sie in einer endlos vibrierenden und aufopfernden Behutsamkeit aus. Wer sich dahin bewegt auf seiner Ton für Ton vor uns aufgerollten Bahn, spürt mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten hinuntergeht.

Die Liebes- und Vereinigungsszenen, die Berg mit solcher Hingabe sich ausmalt, sind nicht nur unter den schönsten der Musikliteratur, sie sind einmalig auch, weil in ihnen die imaginierte Vollendung der Liebe gepriesen wird. Es ist spannend zu erleben, wie Berg immer wieder dort, wo er erotische Motive abhandelt, schnell zu besessenen Tonreihen gelangt, in denen er ein von Obsessionen zusammengesetzes Zwölfton-Plateau entwirft, das den Hörer süchtig machen kann.

Die Liebe Tristans zu Isolde (Schlussszene des dritten Aufzugs von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde [1857]) findet nur im Tod Ihre Erfüllung. Ihr Mythos ist, wie Denis Rougemont in seiner Studie L'amour et l'occident (1939) zeigt, die ausführlichste Darstellung mittelalterlicher manichäischer Liebesvorstellung, nach der Liebe als Leidenschaft Liebe ist, die den Tod will. Die thanatische Dimension des Erotischen - die Verbindung von Eros und Thanatos - begleitet uns durch die unterschiedlichsten Texte und Literaten des Abend- und Morgenlandes.

Die Zeit, als das neunzehnte Jahrhundert ins Zwanzigste kippte, ist die Zeit Bergs. In Wien am Alsergrund, Berggasse 19, wagte sich Sigmund Freud in die Tiefen des Unbewussten und deutete die Träume. Hoch in den Bergen, nahe dem Schnee, nahe dem Adler, prophezeite Friedrich Nietzsche: „Man muss das All zerplittern, den Respekt vor dem All verlernen“. Tausend Meter unter dem Meeresspiegel und auf dem Mond tauchte Jules Verne auf, Bühnenzauber und echte Magie erblühten im Gaslicht des neunzehnten Jahrhunderts, und es ereigneten sich zu Hauf sexuelle Peitschenspielchen in den Stallungen der Superreichen und schmuddelige Orgien in stickigen Quartieren der Lumpenexistenzen.

Die gerichtete, beschleunigte Zeit hat sich nach und nach in der Moderne flächenförmig über den gesamten Gesellschaftskörper ausgebreitet. Aeroplan, Eisenbahn, Automobil, Telefon, Radio und Grammophon spielen extensive Rollen. Siegfried Krakauers Schriften zur Massenkultur bezeugten das „Tohuwabohu verdinglichter Seelen“. Dem Erlebnis der modernen Kommunikations- und Transportmittel verschloss sich Alban Berg keineswegs, in seinem Leben sind Film, Radio und Telefon allgegenwärtig. Auf seiner Visitenkarte funkelt die Telefonnummer „Automat 84.8.31“.

Bizarre Großstadtdarstellungen und das Lebensgefühl der Menschheitsdämmerung durchziehen wie ein schwarzer Strahl Malerei, Literatur, Theater und Film der Moderne. Die Grunderfahrung der Moderne – in Hofmannsthals Brief an Lord Chandos durch die Metapher erfasst, dass die Worte im Mund zerfallen wie modrige Pilze, haben Künstler des Expressionismus, Dadaismus, Futurismus, Kubismus und Surrealismus geteilt: Das Aas am Notenschlüssel verankerte die Schönberg-Schule.

Alban Berg, der Cinephile, begeistert sich für Pudowkins Film MA (Die Mutter [1926]) und Eisensteins Bronenosec Potemkin (Panzerkreuzer Potemkin [1926]). Pudowkin {5} und Eisenstein {6} inszenierten die Gebärden des Schmerzes und der Revolte der Arbeiterklasse, im Film Potemkin ist es die Wahrheit der geballten Proletarierfaust, die Eisenstein auf der Leinwand installierte. Die kinematographische Kunst Eisensteins nimmt den Bildausschnitt, das Einzelbild als Molekularfall der Montage, dabei gibt die Montage-Dynamik die Impulse, die den ganzen Film vorantreiben. Alban Bergs Opernästhetik in Lulu orientierte sich beflissen am Montageprinzip des russischen Stummfilms. Im maschinschriftlichen Manuskript zu Lulu beschrieb Berg ausführlich die Szenographie der Stummfilm-Passage im II. Akt am Ende der 2. Szene:

„Zu der nun folgenden Verwandlungsmusik werden in einem stummen Film die Schicksale Lulus in den nächsten Jahren andeutungsweise gezeigt, wobei das filmische Geschehen, entsprechend dem symmetrischen Verlauf der Musik auch quasi symmetrisch (also vorwärtsgehend und rückläufig) zu verteilen ist, zu welchem Zweck die einander entsprechenden Geschehnisse und Begleiterscheinungen möglichst gegeneinander anzupassen sind“. Die Verwandlungsmusik ist als Palindrom komponiert.

Die filmische Flüssigkeit, mit der eine Szene in die andere übergeht, wirkt wie lange Schwenks. Lulu ist ein Werk von erzählerischer, musikalischer und visueller Ökonomie, es handelt sich um eine provokante Kunst (wenn sie nicht zart wäre).

Berg, der vor den dumpfen Instinkten der Masse zitterte, hat nie an einem ungehobelten Tisch gesessen: so viele Teppiche sind über die Schwelle gelegt und die süß duftenden Blüten schwängern die Luft der bürgerlichen Stube. Sein sensibles Ohr verstopft Berg nächtens mit Kügelchen, doch als Horchender mischt er sich in Wozzeck unter die Hefe des Proletariats, und in Lulu starrt der Libertin in die von Absinth glasigen Augen der Hure, die die Sinne der Metropolen zur Explosion brachte {7}. In der Opernrevolte Bergs mit dem betäubenden Orchester und dem atonalen Kompositionsstil (Dadaismus in der Musik) verschwinden die Kulissen des Elends lautlos im Schnürboden, während die sich ständig vergrößernde Masse der Bedürftigen und Entwurzelten, die die berstenden Städte durchkreuzen, die pechschwarze Seite der Moderne zeigt.

II

Alban Berg, eine an Neuromantik und Ästetizismus orientierte Existenz, war ein glühender Verehrer der poètes maudits, die sich mit Charles Baudelaire die „wunderbare Macht“ teilen, „mit einer eigenartigen Gesundheit des Ausdrucks jeden flüchtigen, jeden verschwommenen, morbiden Zustand erschöpfter Geister und trauriger Seelen festzuhalten.“ {8}

Es lässt sich am schrittweisen, zögernden und langsamen Arbeitsprozess der letzten Jahre nachvollziehen wie überzeugend Alban Berg einzelne Gedichte Baudelaires in die eigene Tonsprache übersetzte und wie er sensibel atmosphärische Schwingungen der Moderne registrierte.

Alban Bergs Auge war vollgesogen mit Versen Baudelaires, deren unverwandter, kalter Glanz alle Unreinheit zerstrahlt. Berg muss die Existentialpoetik des französischen Lyrikers (1821-1867) fasziniert haben wie die zahlreichen Anstreichungen und Markierungen in Baudelaire-Bänden seiner Hausbibliothek belegen. {9}

Baudelaire, der dichtende Dandy, das Haar trug er grün, wanderte unzählige Stunden nächtens in den Ruinen vom Paris des Second Empire umher, streunende Katzen und Huren als Gefährtinnen der Einsamkeit; geneigt dem Müßiggang, dem Spiel und der Prostitution, tastend nach einer Utopie der Schönheit, des Luxus und der Wollust. {10}

Fünfzehn Jahre lang arbeitete Baudelaire an den Fleurs du Mal, die zunächst Les Lesbiennes (1845) und später Les Limbes (Die Vorhölle [1848]) heißen sollten. Von Februar bis Juni des Jahres 1857 korrigierte er die Druckfahnen des 248 Seiten umfassenden Manuskriptes der Fleurs du Mal, dessen Buchtitel der Kritiker und Romancier Hippolyte Babou gefunden hatte. Baudelaire ließ dem Buch eine exquisite Ausstattung angedeihen und am 13. Juni 1857 wird er Rezensions- und Widmungsexemplare zu verschicken beginnen. Vier Gedichte der Fleurs du Mal, Le Reniement de Saint Pierre (Die Verleugnung des heiligen Petrus), Lesbos und die zwei Gedichte mit dem Titel Femmes damnées (Verdammte Frauen) werden alsbald die Aufmerksamkeit der Justiz auf sich ziehen.

Baudelaire streut die Saat einer neuen Liebeswelt. Aus den Lesbierinnen-Gedichten darf geschlossen werden, dass diese als radikale erotische Bourgeoisie-Kritik gedacht waren - die „Leichenbitter der Liebe“ werden auch ein Gegenstand des Spottes und der Satire in den Bildwerken Honoré Daumiers und Jean Isidore Grandvilles werden. Eine Wahlverwandtschaft zu den erotischen Wunschträumen des Charles Baudelaire zeigen auch die Gemälde Gustave Courbets. In diesen begegnen wir immer wieder weiblichen Körpern, die von Liebesraserei erschlafft, in sanften Schlummer fallen. 1866 setzt Courbet ein Liebeslager lesbischer Frauen in subtilster Weise ins Bild. Courbets Pinsel handelt hier nicht nach Gesetzen der bürgerlichen Moral, sondern nach dem Wollustrausch der galanten Zeit: Perlen, Duftkissen, Seide, Blumenbund, Vase, Karaffe und Kristallglas schmücken das Boudoir {11}. Der Schlaf (Le sommeil), ein Bild von kristalliner Schönheit, ist in die Kunst- und Skandalgeschichte des 19. Jahrhunderts eingegangen.

In Baudelaires Sonett CXI Femmes damnées, Delphine et Hippolite sagt die Lehrerin der lesbischen Liebe {12} zu ihrer unerfahrenen Freundin:

„Meine Küsse sind leicht wie jene Eintagsfliegen, deren Abendtanz die großen, bis in die Tiefe klaren Seen liebkosend streift, und die deines Geliebten werden ihre Furchen ziehen wie Ackerkarren oder scharfe „Pflugschar“ [Vers 29-34].“

„Geh, wenn du magst, und suche dir einen albernen Verlobten; lauf, und biete seinen grausamen Küssen ein jungfräuliches Herz; voll Reue und Entsetzen, fahlen Angesichts, wirst du mir wiederkehren und gezeichnet deine Brüste weisen“ [Vers 69-72]. {13}

Baudelaire gebraucht für Lesbierinnen den Ausdruck Tribaden, eine frühere Version der Femmes damnées, die Yoshio Abé entdeckte und in seiner japanischen Übertragung der Fleurs du Mal veröffentlicht hat, beginnt mit dem Vers: „Les tribades en rond sur le sable couchées...“

Der Name Tribade (oder Tribas von „tribein“) ist der bei den griechischen Lexikographen übliche, von den Römern meist übernommene Ausdruck für Frauen, die erfüllt von der Liebe zum eigenen Geschlecht sind. Daneben kommt der Ausdruck Hetairistria und Dihetairistria vor, die beide von Hetaira („Freundin“) abgeleitet sind, spätlateinisch findet sich auch Frictrix (von fricare, „reiben“). Sappho versammelte einen Kreis junger Mädchen um sich, unter denen Anagora, Euneika, Gongyla, Telesippa, Megara, Klaïs und Athis in den Gedichtfragmenten erwähnt werden: „Euch ihr Holden, bleib' ich von ewig gleicher Gesinnung.“ Gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts lebte Nossis, eine Dichterin aus der unteritalienischen Stadt Lokris, die Mädchen in Epigrammen anschwärmte, von denen einige erhalten sind.

Die Subversion von Baudelaires (ungeheuren) Gedichten der Liebe insistiert bis heute. Die Liebe „aller Himmelsstriche“ in allen Formen kehrt in Baudelaires Vision eines „Museums der Liebe“ wieder, alle erotischen Potenziale ziehen da vorüber, von der unausgesprochenen Zärtlichkeit der heiligen Therese bis zu den großen Wahrheiten der ausschweifenden Liebe. {14}

Eine Symmetrie zu Baudelaires dionysischem Lusttempel bilden die Musik-Formeln Alban Bergs. Baudelaires Erotologie des Verdammten {15} ist eingekapselt in der Oper Wozzeck, Lulu und nicht minder in der Lyrischen Suite.

III

Der Haushalt des Ehepaares Berg erstreckte sich auf die Wiener Wohnung in Wien XIII, Trauttmansdorffgasse 27 und in Wien XIII, Maxingstraße 46. Die Landsitze sind das Gut Berghof am Ossiacher See in Kärnten, die Villa Nahowski in der Weststeiermark, nahe Deutschlandsberg und das „Waldhaus“ in Auen am Wörther-See, Kärnten.

Im Jahre 1894 hatte der Vater Bergs, Conrad Berg, das Gut Berghof am Ossiacher See gekauft, wo Alban und seine Geschwister Hermann, Smaragda und Charly die Sommer verbrachten. Der Berghof am Ossiacher See ist der Ort der mütterlichen Liebe. Hier wohnen Bergs Mutter, seine Schwester Smaragda und deren Lebensgefährtin May Keller. Am Berghof werden Blutwürste und Sulzen gemacht, Fett ausgelassen: „Welche Fülle, diese Grammeln”. Berg tätigt schwere und leichtere Handgriffe in Haus und Hof, im Winter schneidet und hackt er Holz. Der Ossiachersee friert zu, „ein ganz eigenartiger, unheimlicher Anblick”. Eis in der Dicke einer Oktave wird aus dem See herausgebrochen, ans Ufer geschleift und in der Eishütte zertrümmert und eingestampft. Eine „Riesenarbeit”, woran Alban Berg sowie „6 Mann und 3 Pferde” beteiligt sind. {16}

Die Schwiegereltern Bergs besaßen in Trahütten am Fuße der Koralpe bei Deutschlandsberg in der Steiermark ein Gut in tausend Meter Seehöhe, die sogenannte Villa Nahowski. Ansichten dieser Gegend finden sich immer wieder in einer umfassenden Postkartensammlung, die das Ehepaar Berg anlegte. {17}

Es war die Zeit der Sommerfrische, in der sich die Elite Wiens während der heißen Sommermonate in ein großzügiges, schattiges Landhaus zurückzog. Speck, Gans mit Rotkraut, Zeller mit Sauce Hollandaise, Erdäpfelpüree und Milchrahmstrudel waren die Gaumenfreuden, die das Land bescherte. Berg entwickelte über die Jahre eine intensive Beziehung zu den Landschaften Kärntens und der Steiermark, alles tönende und farbige der Natur wirkte ganz direkt auf ihn ein. Für die Präzisionsarbeit an den Kompositionen waren Zurückgezogenheit und Stille nachgerade lebenswichtig. Auf seinen Wanderungen streift er Blütentrauben und erinnert sich an die ätherischen Festen der Alpen bei Giovanni Segantini, dessen Aufzeichnungen den jungen Komponisten beflügelten, betonen sie doch die metaphorischen Verbindungen von Blüten und Liebe.

In Feudalherrenmanier ist das Alban Berg Sommer-Haus am Wörthersee/Gemeinde Auen errichtet. Über der Eingangstüre ist eine Inschrift angebracht: „Berg’s Waldhaus. Hier ist Friede.“ Im Prospekt Servus Wörthersee aus dem Jahr 2001 ist auf Seite 14 neben einer Abbildung des Hauses zu lesen: „„Waldhaus“ des Komponisten Alban Berg (1885-1935) in Auen in einem idyllischen Park mit gewaltigen, 300 Jahren alten Eichen; seit 1971 Landschaftsschutzgebiet (12 Hektar). Alban Berg kaufte es 1932 als Sommersitz und schuf hier die Oper Lulu und sein „Violinkonzert“. Arbeitszimmer in Originaleinrichtung erhalten. Heute im Besitz der Alban-Berg-Stiftung; im Sommer Kompositionskurse. Besichtigung: derzeit leider nicht möglich; allenfalls Sonderführungen (R.Kramer). Zufahrt: über Süduferstraße; nach Hotel Vinzenz rechts „Bergweg“. Informationen: Richard Kramer, Tel. 2234.“

Meiner Anmeldung zufolge empfangen mich Frau und Herr Kramer am 8. August 2001 und führen mich durch die Zimmer des weitläufigen Hauses. Ins Auge fällt das Hölzerne und Steinerne des Landsitzes: da sind die grün gestrichenen geschlossenen Fensterläden, wie sie für Alpenvillen typisch sind; die grünen Kachelöfen, die die kalten Jahreszeiten erträglich machten, und da staunt man über das grün gestrichene, metallene Meditations-Bett im Arbeitszimmer des Komponisten. An der Stirnseite dieses Raumes steht der Schreibtisch mit einem Tischkalender des Jahres 1935. Bleistifteintragungen von Helene Berg zeigen die Aufenthaltszeit im Jahre 1935: angestrichen ist der 23./24. Dezember, der Sterbetag Alban Bergs. Allerlei Schreibutensilien sind in Reih und Glied aufgereiht: Tintenfässer, der Federhalter mit Metallfedern, Blei- und Buntstifte, die Löschwiege. Der lederne Sitzpolster am Armsessel ist brüchig. Unter der gläsernen Schreibtischplatte liegen Ansichtskarten, darunter eine Karte der Villa Nahowski in Trahütten. {18} Rechts im Zimmereck steht der Flügel. An der Wand hängt eine Reproduktion von Michelangelos Sixtina–Fresko, Berg wählte das Motiv Die Erschaffung Adams aus: Die homoerotische Spannung des Bildes ist unübersehbar.

Ein kleines, mit schwarzem Tixoband umrandetes Porträtphoto von Arnold Schönberg und die beiden Photos von Franz Josef Nahowski ziehen den Blick auf sich. Der androgyne Jüngling und die Art schwuler Koketterie fällt ins Auge. Auffällig sind die langen, zartgliedrigen Finger und der erlesene Handschmuck: ein Ring schimmert wie ein Mineral in der Sonne (ein Foto im Nachlass F21 Berg 336 zeigt auch dieses kostbare Schmuckstück). Ich bin also Franz Nahowski (geb. 10. Dez. 1889, gest. 23. Nov. 1942), dem extravaganten Außenseiter der Familie Berg einen Schritt näher gekommen. Ich bestaune die gut zwei Dutzend Bleistiftzeichnungen und Gouachen, die entlang der Holzstiege zum ersten Stock gehängt sind. Die Bilder zeichnet ein natur- und erdverbundener, ganzheitlich-kosmischer Spiritualismus aus. Nachahmungen organischer Formen (Blumen, Bäume, Sterne, Sonne, Mond) und ornamentale Formen vermengen sich hier und da mit Nackten, die einander an den Genitalien berühren.

Ich blättere in Gerichts- und Krankenakten von Franz Nahowski, der sich früh einer Morphium-Entziehungskur im Sanatorium Rekawinkel unterzogen hat und wegen „Schizoider Störungen“ interniert wurde. Der Psychiater Ludwig Binswanger, der auch den berühmten Kulturhistoriker Aby Warburg therapierte, empfahl 1927 eine Kur für Franz Nahowski in Kreuzlingen. Die Transferierung in die Wiener Nervenheilanstalt am Steinhof ist im Herbst 1930 vermerkt. Der Gerichtspsychiater Doktor Schierl nahm die Entmündigung vor und Alban Berg hat die Kuratorenschaft über seinen Schwager übernommen. Im Krankendossier wird vom „Stimmenhören“ gesprochen. Franz Nahowski erklärte „Es sei Einschaltung von Begebenheiten und Auswirkungen photographierter Sachen u.s.w.“ Solcher Abnötigung von Geständnissen durch die Psychiatrie wollen wir nicht weiter folgen. Im ersten Stock des Hauses hat Helene Berg dem Bruder Franz ein heizbares Schlafzimmer eingerichtet. Darin stehen ein Holzbett und ein Bauernkasten: Farben überziehen wie eine ölige Haut die Gegenstände. Am Kasten stehen bemalte Keramik und Glasvasen Nahowskis. Über dem Bett hängt ein schönes Bild mit einem Apfel-Motiv, datiert 1904. Man denkt unwillkürlich an das Schlafzimmer Van Goghs in Arles, das dieser selbst eingerichtet und alle Dinge darin in Farben des Südens angemalt hatte. Eine Dokumentation der nomadisierenden Lebensspur und des künstlerischen Schaffens Franz Nahowskis ist bislang unterblieben.

Das „Waldhaus“ war ein ehemaliges Dorfgasthaus am Wörthersee wie es die Architektur im Parterre deutlich macht. Von dem Makler Victor Unterweger erwirbt Berg 1932 das Haus sehr günstig, über den Ankauf führte Helene Berg in ihrem Buch Ausgabenbüchel („mit Gott“). Der Kaufpreis des Waldhauses betrug 31500 Schilling. Beim Betreten der Villa finden wir zwei großformatige Gemälde (Frauenakte) der Malerin Carola Nahowski vor. Eine Tapisserie, ein Tisch mit Sesselgruppen und eine Chaiselongue sind im Parterre-Raum gruppiert. Im Souterrain logierte Frau Toni Pfeiffer, die Haushälterin des Ehepaares Berg. Im ersten Stock, im Arbeitszimmer sind auf einem Tisch Bergs geliebte Autozeitschriften aufgelegt und ein Photo erinnert an Herrn Fanzoy, den Chauffeur und „Wunder-Doctor des Ford“. In Bergs Arbeitszimmer finden sich Porträts in Öl und Kreide des Komponisten sowie Photos aus der Militärzeit und den letzten Lebensjahren. Bemerkenswert ist auch ein Wäscheschrank mit einer darin aufgestellten Kabinett-Photographie von Anna Nahowski, der Mutter Helene Bergs. Die ausgebreitete Unterwäsche der ehemaligen Geliebten Kaiser Franz Josephs zeigt das Fingerspitzengefühl der Näharbeiterinnen der Jahrhundertwende. Helene Karoline Berg, Geburtsname Helene Karoline Nahowski (geboren am 29. Juli 1885 in Wien, gestorben am 30. August 1976 in Wien) und Franz Joseph Nahowski waren die kaiserlich gezeugten Kinder von Anna Nahowski.

Vom Arbeitszimmer aus betritt man das Schlafzimmer und stößt auf ein großes, fein gedrechseltes Holzdoppelbett. Eine Landschaftsgravur von Jakob Schindler, die Porzellanwaschschüssel und der Wasserkrug bleiben ebenso im Gedächtnis wie die im Kleiderschrank eingemotteten Sportanzüge Bergs, darunter der legendäre senffarbene Ledermantel. Natürlich ist das Radiogerät („5-Röhrenapparat“) aufgestellt, an dem das Ohr des Komponisten so hing und aus dem die Lyrische Suite erklang. Fast stolpert man über den riesigen, mit Leinen überspannten Reisekoffer (Aufdruck „BERG“), der bei den internationalen Aufenthalten des Komponisten immer mit dabei war. Der unerläßliche Blick zum See war von der Veranda und vom Arbeitszimmer aus gegeben, die Fenster schauen nach Nordwest. Der Eingang des Hauses befindet sich aber an der Südseite. Dort führt eine Holztreppe aus einem geräumigen Vorhaus in den Oberstock. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kam der Schilfgürtel des Wörthersees nahe an das Haus in Auen heran. Berg spricht in einem Brief an seine Frau (4.11.1932) davon, daß er nach dem „Waldhaus am Sumpf lugen müsse.“ {19}

Der letzte Akt der Oper Wozzeck spielt an einem Schilfteich. Wozzeck, der Wehrlose, blutet an seiner Liebe zu Marie aus. Sein Selbstmord vollzieht sich stumm im Schilfteich, begleitet von Unkenrufen, er wird bei Mondlicht immer tiefer und tiefer hinein waten, bis er ertrinkt. Berg setzt Flöte, Klarinette und Horn im III. Akt, 4. Szene, Takt 302ff ein. Man denkt an die Zeile Rilkes: „Siehe, deine Seele verfing sich in den Stäben der Syrinx“.

Das „Waldhaus“ bezeichnete Berg als Exil: „Ich sitze (am umstehend abgebildeten Schreibtisch) immer noch über der „Lulu“, aber ich überblicke doch schon das ganze Ende. Das kommt davon, daß ich mich hier in diesem selbstgewählten Exil konzentrieren kann, weshalb ich es auch, und weil es mit dem Komfort auch fast stimmen mag, gern Konzentrationslager nenne.“ {20}

IV

Die Landschaft rund um den Wörthersee wird zur Hanna-Landschaft. Die ganze Luft ist heilig. Zwischen Selbstversunkenheit und erregenden Halbschlafphantasien treibt es ihn herum, auf der Suche {21} nach Hanna. Vorbei an welken Rosengärten entlang des hohen Sommergrases, das zu brüchigen Halmen vertrocknet ist. Die Berge leuchten blau, die Luft ist rauh und brennt in den Augen, der See ist granatfarben, die Vögel in den Wolken verborgen. Er glaubt, dass seine Liebe zu Hanna Fuchs unheilbar sei, „unheilbar, weil an ihr nichts zu heilen ist.“ {22} Es ist besser tot zu sein, als ohne Liebe. Ohne das Zusammensein mit Hanna ahnte Berg schon im Brief von 1925 seinen Tod voraus: „Ich weiß, dass es keinen, aber auch gar keinen Weg zu der einzigen glücklichen Lösung: unserer gänzlichen Vereinigung gibt. Keinen, der nicht mit dem Tod oder Unglück aller Beteiligten endete.“ {23}

Er betrachtet sich als einen Tumult unzusammenhängenden Fleisches. Vom ziellosen Umherlaufen im Herbst 1935 sind die Fusssohlen wundgerieben und seit Wochen leidet er an einem Furunkel, dessen Eiterpfropf wächst, verursacht durch einen Insektenstich auf dem unteren Teil des Rückgrats. Als seine Temperatur zu steigen beginnt, kehrt er nach Wien zurück, es ist der 18.11.1935, und er wird an den Proben der Erst-Aufführung der Lulu-Symphonie im großen Musikvereinssaal teilnehmen. Sein Puls geht schnell und schwach. Am 17. Dezember 1935 liefert man den Komponisten ins Erzherzog-Rudolph-Spital ein, hier stirbt er in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember im Alter von fünfzig Jahren an Blutvergiftung.


Kommst, Schönheit, du vom Himmel oder aus der Hölle empor,
Was liegt dran, Ungeheuer, riesig, arglos, voller Schrecken,
Eröffnen mir dein Aug, dein Fuß, dein Lächeln nur das Tor
Des Grenzenlosen, das ich liebe und nie konnt entdecken?

Baudelaire

EPILOG

Wie Claude Monet seinen Seerosenteichen nicht widerstehen konnte, wird Alban Berg in den letzten einsamen Lebensjahren im „Waldhaus am Wörther-See“ die Begierden eines Alpengärtners entfalten. In Träumen erblickt er „langgestreckt wellige Almwiesen mit dunkelblauen Vergissmeinnicht und schwarzen Kohlröschen und brennend roten Alpenrosen“ (18. Juli 1908, Brief Alban Berg an Helene Berg).

Und da gibt es noch einen Blumentraum, der die Neigung von Bergs Körper an der homoerotischen Lust verrät. Ein Liebespaar ist auf einem blumenbestreuten Pfad unterwegs zu einem Luftschiff, das weit in den Himmel hinauf - ins „Unendliche“ stieg: „Heute nacht hatt’ ich einen schönen Traum! Ich besaß einen herrlich-schönen, riesengroßen Hund, der aber so gefürchtet war, dass niemand sich an ihn herantraute; seine Augen hatten etwas so Rätselhaftes, sein Blick war so menschlich magnetisch, daß ich mich ganz in diesen Blick verliebte! Einst, als ich wieder allein mit ihm war und sich alle anderen Mitmenschen entfernt hatten, verwandelte sich dieser Hund in einen berückend liebreizenden Jüngling, der mich voll Zärtlichkeit umschlang und aufforderte, ihm zu folgen. So schritten wir denn, verschlungen, er in göttlicher Nackheit, ich in weitwallender, schwarzer Gewandung, den Menschen entgegen, die uns früher geflohen waren und die uns jetzt voll Freude und Begeisterung erwarteten. Als wir ihnen nahten, begannen sie zu jubeln und schwangen Palmenwedel und wiesen uns einen Weg, der sich blumengestreut vor unseren Augen öffnete: Da kamen wir, am Ziele angelangt, dicht an eine Gondel, die wir bestiegen und die sich unter lautloser Stille zu heben begann. Wir waren in einem Luftschiff, das immer höher und höher stieg, über der Stadt noch einige Kreise beschrieb und dann sich zu entfernen begann, weit in den Himmel hinauf - ins Unbegrenzte, Unendliche - - Undefinierbare!“ (Alban Berg, Briefe an seine Frau, a.a.O., S. 41/42).

Wien 1. Jänner 2023




Ergänzende Noten

Der Nachlass Alban Bergs ist in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek unter der Signatur Fonds21 Berg 422-2480 und 2617-3436 registriert. Bergs Musikhandschriften und weitere Quellen werden hier wie folgt angegeben: F 21 Berg (…). Der Nachlass umfasst folgende Bestände: Briefe an und von Alban Berg, Aufzeichnungen, Zeichnungen, Photographien und Musikautographen. Kleinere Bestände finden sich in der Handschriftensammlung der Wien Bibliothek, bleiben in diesem Text allerdings unberücksichtigt.

Helene Berg (29. Juli 1885, Wien - 30. August 1976, Wien), die Ehefrau Alban Bergs, hat den musikalischen und literarischen Nachlass Alban Bergs der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek übergeben und etablierte am 23.7.1967 die Alban Berg Stiftung. Die Wohnorte von Helene und Alban Berg in Wien Hietzing, Steiermark und in Kärnten samt deren Interieurs wurden von Helene Berg konservatorisch erhalten und zu Musiker-Gedenkstätten transformiert.

Berg schreibt an Morgenstern am 10.11.1933 „(...) Und wenn ich Dir nun sage, daß ich außer dieser täglichen fünf- bis zehn-stündigen Arbeit noch viel Radio höre (eben jetzt Hitlers Wahlrede vor den Arbeitern!), hier und da nach Villach oder Klagenfurt komme. (...) Nun: das ist nun auch bei mir (nach 7 fetten Jahren) ein Problem geworden. Es wird mir immer schwerer, bis zur Vollendung der Lulu u. der Aufführungseinnahme (Saison 1933/34) durchzuhalten, u. die Schulden steigen so, daß die dann zu erwartenden Einnahmen auch schon längst aufgezehrt worden sein werden (...) Ich hab’ ja nicht eine Aufführung – auch nicht des kleinsten Liedes – in Deutschland u. somit entfallen wohl 9/10 meines Einkommens (...) Wieviel Worte und Aktionen für die Märtyrer Bruno Walter, Hubermann u.s.w. – und welches Schweigen darüber, dass von mir – und Webern und ebenso von Hindemith und Krenek keine Note in einem deutschen Studio oder Konzertsaal erklingt.“ In: Soma Morgenstern,„Alban Berg und seine Idole“. Hrsg. Ingolf Schulte. Lüneburg: zu Klampen, 1995, S. 256, 257.

In tausend Nuancen lässt sich die Liebesgeschichte von Hanna Fuchs und Alban Berg, eine „amour fou“, nachweisen, die 1925 in Prag begonnen und die Berg in so wundervolle Musik einer Quartettsuite eingekapselt hat, genannt „Lyrische Suite”, die 1927 im Partiturdruck das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Die damit zusammenhängenden Liebesbriefe (1925-1934) an Hanna Fuchs ( 1894 Prag - 1964 New York) und das ihr gewidmete Musikstück Lyrische Suite bezeichnete Berg als „kleines Denkmal einer grossen Liebe“.

Das Briefkonvolut Alban Berg an Hanna Fuchs (14 Schriftstücke, 1925-1934) befindet sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, inventarisiert unter: Fonds 21 Berg 3432/1-14, 3433, 3434 ( 2a, 2b), 3434/3, 3435, 1-2. Nicht alle Briefe sind datiert. Das Briefkonvolut ist in stilistischer Hinsicht ein Kabinettstück ergreifender Brief-Literatur. Die Briefe von Hanna Fuchs an Alban Berg haben sich nicht erhalten. Siehe: Constantin Floros, Alban Berg und Hanna Fuchs. Die Geschichte einer Liebe in Briefen. München 2002. Bei den Wiener Vorlesungen am 9. Februar 2010 hat Kammerschauspieler Joachim Bißmeier in einer Soiree aus den Briefen vorgetragen, Gerhard Fischer hat eine Lecture gehalten.

Die Notation der Quartettsuite erfolgte in der Einsiedelei, in Trahütten gelegen in 1000 Metern Seehöhe am Fuße der Koralpe. Den ersten Satz beendet Berg im Herbst des Jahres 1925, den sechsten Satz führt er Ende September 1926 zu Ende.

Den Farbstoff, den Berg ein Jahr am Notenpapier aufgehäuft hat, das Grau-Schwarz des Bleistifts, wird mit all der Magie, die Buntstifte ausüben, immer wieder vermengt. Nahe einer Kohlezeichnung ist der 57-seitige Autograph der Partitur der Lyrischen Suite ein Schlingwerk: es sind die Tonfolgen, die an der ästhetischen Besonderheit der Komposition imponieren, und es sind die von der Hand Bergs hinterlassenen Graphen. Da ist ein gewisser Zug zur Kalligraphie, die auch andere Partituren auszeichnet.

Die Mine des Bleistifts entstammt der Erde, Farbe führt zuallererst nach unten, weit unter das Sichtbare. Mit all dieser Alchemie der Tiefe ist der Schreibakt verknüpft.

Im Autograph der Suite lassen sich Zusammenhänge zwischen Körperlichkeit, Körperlogistik und Schriftlichkeit als Kalligraphie und Schriftbild ausloten.

Der Atem formt den Rhythmus der Lyrischen Suite. Das Tempo der lebhaften Sätze wird im I., III. und V. Satz zunehmend schneller, das Tempo der getragenen Sätze, II, IV. und VI. immer langsamer.

Die Lyrische Suite hält eine Komplizenschaft mit der Kurzatmigkeit. Bergs Atem schwillt an, wölbt sich, mutierende Bewegungen wechseln einander ab, die ganze Musik des Streichquartetts dehnt sich zwischen Beschleunigung und Verlangsamung des Atems. Marcel Proust und Alban Maria Johannes Berg waren Asthmatiker.

Das im VI. Satz (Largo desolato) der Suite eingeschriebene Poem De profundis clamavi („Zu dir du einzig Teure, dringt mein Schrei“) aus der Feder Charles Baudelaires zeigt die Affinität des Zwölftonkomponisten Berg zur Pariser Moderne, die mit Baudelaires Gedichtband Die Blumen des Bösen epochale Aufschwünge gefunden hat.

Berg liebt Hanna wegen dem, was sie in ihm auslösen wird, an Echos eines Anderswo, an Faszinationskräften, an Gefahren, die eine solche Leidenschaft mit sich bringen kann. Hanna Fuchs und Alban Berg waren so etwas wie eine Doppelgestalt. Einander herziehend, einander nachziehend, einmal er sie, dann wieder sie ihn. Das Glück des Geschehenlassens, das größte Glück.

Das dauernde Hinübergezogenwerden zu diesem bewunderten Geschöpf Hanna, die zu lieben Berg mit dem unmöglichen Glück des einsamen Kindes begehrte, hatte weder einen Halt, noch gab es in jahrelanger Ausbreitung der Verführung einen beglückenden Fortschritt.

Das aus VI Sätzen bestehende Zwölftonstück ist ein einmaliges Befestigungswerk, in welchem die kleinsten und unschuldigsten Dinge der Liebenden gerettet werden sollten vor der „Zerlösung der Wirklichkeit“ ( Jean Amery). 50 Jahre lang blieb der musikalischen Öffentlichkeit das in den VI. Satz des Streichquartettes eingekapselte Poem De profundis clamavi verborgen. Lange wurde nach dem Gedicht Baudelaires gefahndet, die fleißige Detektivarbeit der amerikanischen Musikwissenschaft hat dieses endlich im Jahr 1976 in der Partitur mit hauchzartem Bleistift eingeschriebene Poem entdeckt, und als Vokaltakte enttarnt. Auch in der Widmungspartitur an Hanna Fuchs aus dem Jahr 1927 glitzert wie ein roter Rubin im VI. Satz (Largo desolato) in Takt 12 das von Berg mit roter Tinte eingeschriebene Baudelaire Gedicht De profundis clamavi.

Baudelaire und Berg, der Dichter und der Musiker, sie waren wie zwei Bäche, die zusammentrafen, um einen dritten zu bilden.

Bergs Hand, die weder komponieren kann ohne zu schreiben, noch schreiben ohne zu komponieren, die jedoch auch weder Töne noch Wörter schreiben kann, ohne nicht auch zu singen, diese Hand bedarf der Ergänzung, die die Stimme gibt. Das in die Lyrische Suite eingeflochtene Poem Baudelaires bedarf des Durchgangs durch die Stimme. Das Ich, das um seine zunichte gewordenen Liebeshoffnungen trauert, kann nur noch singen. Siehe weiter umfassend: Gerhard Fischer, Amour Fou. Hanna Fuchs, Alban Berg und ein Streichquartett, genannt Lyrische Suite. Wien 2009.

Siehe: Frank Wedekind, Die Büchse der Pandora. Tragödie in 3 Aufzügen mit einem Prolog, München 1921, Handexemplar Alban Bergs, siehe: Fonds 21 Berg 132.

Siehe den Programmzettel von Frank Wedekinds Büchse der Pandora mit einleitender Vorlesung von Karl Kraus am 29. Mai 1905 im Trianon-Theater (Nestroyhof), Wien; Die Fackel Jg. 7 (1905), Nr. 182, S. 15. Mit Abdruck des Vortrags von Karl Kraus, S. 1-14. Siehe: Druckschriftensammlung ÖNB 402. 785 BS.

Alban Berg, Lulu. Oper in drei Akten (7 Szenen) nach den Tragödien Erdgeist und Büchse der Pandora von Frank Wedekind. Siehe F 21 Berg. 133/1. Verbote und Aufführungspraxis der Lulu-Tragödie führten zu zahlreichen Überarbeitungen, Wedekinds Arbeit am Text vollzog sich über 20 Jahre. Gerhard Fischer und Dieter Giesing haben mit Wedekinds Theaterstück Frühlingserwachen eine mustergültige Inszenierung am Akademietheater 1980 geschaffen.

Zur Kompositionsstruktur von Lulu siehe: Metronomaufzeichnungen für die ganze Oper und frühes Skizzenheft: F 21 Berg 28/14; Tonreihen und Themen zu den Hauptrollen: F 21 Berg 28/ XVII, XIX, XX; Grundreihe der Oper mit allen Transpositionen und Inversionen: F 21 Berg 28/XLIX; Particell zum 3. Akt der Oper Lulu: F 21 Berg 29/III; Partitur (Fragment) zum 3. Akt: F 21 Berg 30.

Der Griff des Weißen in die Musik der Schwarzen, die Macht der Jazz-Instrumente in der Oper Lulu: 3 Klarinetten in B (eine davon Tenorsaxophon in B), Altsaxophon in Es, 2 Jazztrompeten in C, Susaphon, Jazz-Schlagwerk: große und kleine Trommel, Becken (frei hängend), große und kleine Tempelblocks, Stahlbesen, Vibraphon, Triangel, Becken (ein Paar), große (Jahrmarkts-)Trommel mit daran befestigtem Becken (Clown), Banjo, Klavier, 3 Violinen, Kontrabaß.

Die Uraufführung der zweiaktigen Lulu fand am 20. Juni 1937 im Stadttheater Zürich statt, Franz Werfel und Ernst Krenek hielten einleitende Vorträge. Der Wiener Komponist Friedrich Cerha bearbeitete nach Skizzen Alban Bergs den III. Akt von Lulu.

Februar 1979 fand die dreiaktige Aufführung der Oper Lulu im Théâtre National de l’Opéra in Paris statt. Am Pult: Pierre Boulez, Bühnenbild und Regie: Patrice Chéreau. Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat mit ihrer Librettistin Helga Utz die Partitur und das Textbuch der ersten beiden Akte Lulu teils umgeschrieben und neu instrumentiert sowie einen eigenen dritten Akt hinzugefügt, der bei Berg selbst ein Fragment blieb.

Siehe: Alban Berg, Partitur zum 3. Akt der Oper Lulu. Integrale Fassung bearbeitet von Friedrich Cerha; Originalhandschrift Cerhas auf Transparent, Tinte, 291 Bl; Universal Edition, Wien.

Manfred Reiter, Die Zwölftontechnik in Alban Bergs Oper Lulu, Regensburg 1973 (Kölner Beiträge zur Musikforschung 71).

Patricia Hall, A view of Berg’s Lulu through the Autograph Sources, Berkely u.a. 1996.

Jarman Douglas, Lulu, Cambridge u.a. 1991 (Cambridge opera handbooks).

Thomas Ertelt, Alban Bergs Lulu. Quellenstudien und Beiträge zur Analyse, Wien 1993 (Alban Berg Studien 3).

Rosemary Hilmar (Hg.), Katalog der Musikhandschriften, Schriften und Studien Alban Bergs im Fond Alban Berg und der weiteren handschriftlichen Quellen im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 1980 (Alban Berg Studien 1).

„Zwölftonmusik ist keine Kategorie, zumindest keine spezifisch musikalische. Die Reihe ist in ihrer poetischen Funktion bestimmt. Ihr Status im Werk der drei Komponisten der Wiener Schule ist dann auch unterschiedlich“. Siehe Henk de Velde, „Es stürzt aus Höhen Frische“, in: Anton Webern I, Musik-Konzepte. Sonderband, hrsg. von Heinz-Klaus Metzger, edition text+kritik. München 1983, S. 167/168.

Mitten in der Arbeit an Lulu tauchte am 16. April 1934 ein neuer Kompositionsplan auf: „ Es wird hier (in Kärnten) alle Tage, was sag ich, alle Stunden schöner. Plötzlich geht man blank herum, die Wüste ums Haus und im Garten, die Karrenwege werden Billards. Jetzt wissen wir erst, wie schlecht wir’s in diesem sechsmonatigen Winter hatten. Nie wieder! Aber ab Frühling 1935 will ich wieder da sein und das 3. Streichquartett komponieren. Pläne, Pläne. Pläne! und wer weiß-wie’s kommt? Und ob’s überhaupt kommt“. Zit. nach Willi Reich, Alban Berg. In: Die Wiener Schule und ihre Bedeutung für die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert. Österreichische Musikzeitschrift, Wien 1961. Sonderband. S. 20.

Bereits 1927 begeistert sich Berg in Berlin für Pudowskins Film Die Mutter: „… das herrlichste von allem !!!“. Siehe Brief an Soma Morgenstern vom 27.11.1927. In: Soma Morgenstern, Alban Berg und seine Idole, Hrsg. von Ingolf Schulte. Lüneburg: zu Klampen, 1995, S. 196.

Nachdem Berg in Wien Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin versäumt hatte, beabsichtigt er den Kinobesuch mit Hanna Fuchs in Prag im November 1926 nachzuholen. Siehe (Berg an Hanna ohne Datum 6./7. Nov. 1926).

Bergs musikalisches Schaffen wird eine Pendelbewegung zwischen der Mutter und der Hure sein. Die eine siedelt er in der Lyrischen Suite und in Wozzeck an und die andere wird zu Lulu. In der 515 Blätter umfassenden Zitatensammlung Alban Bergs mit dem Titel Von der Selbsterkenntnis finden sich im Heft 7 Bergs Abschriften aus Otto Weiningers Geschlecht u. Charakter. Die Passage Von der Mutterschaft und Prostitution beim Weibe lautet: „Es bleibt demnach nichts übrig als zwei angeborene entgegengesetzte Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen im verschiedenen Verhältnis verteilen. Die absolute Mutter und die absolute Dirne. Zwischen beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt.) Ebensowenig aber existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne viel öfter gefunden zu haben, als solche Grade von Mütterlichkeit, hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt“. Siehe F 21 Berg 100/ VII, fol 17', 18, 18', 19.

„Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß dichter ist als an anderen fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer von was es auch sei, ausnahmslos koitiert. Das was man gewöhnlich als Koitus bezeichnet ist nur ein Spezialfall von höchster Intensität. Die Dirne will von allem koitiert werden darum kokettiert sie auch, wenn sie allein ist und selbst vor leblosen Gegenständen, vor jedem Bach, vor jedem Baum- die Mutter wird von allen Dingen, fortwährend und am ganzen Leibe, geschwängert. (...)“ Siehe: F 21 Berg 100/ VII, fol 19, 20.

Zit. nach: Ulrich Horstmann, Elend in Elfenbein. Huysman's Gegen den Strich – ein unbändiger Roman aus einer verlorenen Zeit, in: Die Zeit, Nr. 40, 26. September 1991. Die l‘art -pour l’art Doktrin Huysmans hat die absolute Souveränität der Kunst gepredigt und beweist diese Selbstherrlichkeit da, wo es der schöne Schein am Schwersten hat: im Verfall und im Verwesen, im Widerwertigen und Verkommenen, im Hässlichen und Siechen. In A rebours, Gegen den Strich hält Huysmans jeden verschwommenen morbiden Zustand erschöpfter Geister und trauriger Seelen fest.

Siehe das Inventar von Gegenständen, die sich in Bergs Wohnung befanden, 17. Aug. 1926: F21 Berg 474/1-2.

Eine Aufstellung von Bergs Bibliothek am 12. Nov. 1930, siehe F21 Berg 465/1-18. Das Dokument ist sehr aufschlußreich und beinhaltet eine Liste der Bücher 1 bis 100; festgehalten werden Autor, Titel, Ausgabe, Anzahl der Bände, Einband, Illustration und Preis.

In F21 Berg 465/1-18 kann man Bergs exquisite Musikbibliothek Ganzleinen bzw. schöne Halbleinenbände nachlesen.

Baudelaire hat das Gedicht rêve parisien (Pariser Traum) Constantin Guys (1805-1892) gewidmet und in einem Aufsatz auf die Sehnsucht nach dem Morgenland in der Malerei bei Guys hingewiesen. Baudelaire hält den Blick der orientalischen Hure fest: „Elle porte le regard à l’horizon, comme la bête de proie; même égarement, même distraction indolante, et aussi, parfois, même fixité d’attention.“ Charles Baudelaire, Oeuvre complétes par Claude Pichois, Bd. II, Paris 1975/76, S. 359.

Walter Benjamin hat auf Guys und Nietzsche hingewiesen: „Die große physiognomische Ähnlichkeit von Guys und Nietzsche ist zu betonen. Nietzsche spricht dem indischen Pessimismus, jener ungeheuren, sehnsüchtigen Starrheit des Blicks, in welchem das Nichts sich spiegelt’ zu (...). Dazu ist zu vergleichen, wie Baudelaire den Blick der orientalischen Hure bei Guys (...) kennzeichnet: er ist auf den Horizont gerichtet; starre Aufmerksamkeit und tiefes Desorientiertsein durchdringen sich in ihm.“ Walter Benjamin, Baudelaire, Konvolut J 80 a, 5, in: Das Passagen-Werk, Erster Band, hrsg. von Rolf Tiedemann, Frankfurt a. Main, 1982, S. 467.

Vgl. Gustav Klimt, Wasserschlangen I, auch Freundinnen I, um 1904/07, Mischtechnik/Pergament, 50 x 20 cm, Öst. Galerie, Wien. Eine Studie für das Bild Wasserschlangen I findet sich in Ver Sacrum, 6. Jahrgang, 1903, Heft 22, S. 371. Gustav Klimt, Wasserschlangen II, auch Freundinnen II, 1904 (umgearbeitet 1907, Öl auf Leinwand, 80 x 145 cm, Öst. Galerie, Wien). Zu diesem Gemälde existiert eine Studie Klimts, ausgeführt mit rotem Farbstift (37 x 56 cm, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz). Das Gemälde Klimts Die Freundinnen, 1916/17 (Öl auf Leinwand, 99 x 99 cm) ist 1945 im Schloß Immendorf verbrannt.

„Die Figur der lesbischen Frau gehört zu den heroischen Leitbildern Baudelaires. [In der Sprache seines Satanismus bringt er das selbst zum Ausdruck. Es bleibt ebensowohl in einer Unmetaphysischen, Kritischen fasslich. Das neunzehnte Jahrhundert begann, die Frau rückhaltlos in den Prozess der Warenproduktion einzubeziehen. Die Theoretiker waren sich darin einig, dass ihre spezifische Weiblichkeit damit gefährdet würde; männliche Züge müßten im Laufe der Zeit notwendig an der Frau in Erscheinung treten. Baudelaire bejaht diese Züge. Gleichzeitig aber will er sie der ökonomischen Botmäßigkeit streitig machen. So kommt er dazu, dieser Entwicklungstendenz der Frau den rein sexuellen Akzent zu geben. Das Leitbild der lesbischen Frau bringt die zwiespältige Position der ‚Moderne’ gegenüber der technischen Entwicklung zum Ausdruck. (Was er George Sand nicht verzeihen konnte, das war wohl, dieses Bild dessen Züge sie trug, durch ihre humanitäre Gesinnung profaniert zu haben. Baudelaire sagte, sie sei schlimmer als Sade)“. Walter Benjamin, Baudelaire, Konvolut J 49 a, 1; in: Das Passagen-Werk, Erster Band, Frankfurt a. Main, 1982, S. 400.

„Die lesbische Liebe trägt die Vergeistigung bis in den weiblichen Schoß vor. Dort pflanzt sie das Lilienbanner der ‚reinen Liebe’ auf, die keine Schwangerschaft und keine Liebe kennt.“ Walter Benjamin, Malerei, Jugendstil, Neuheit, Konvolut S 8 a, 3; in: Das Passagen-Werk, Zweiter Band, Frankfurt a. Main, 1982, S. 693.

Siehe: Charles Baudelaire, Femmes damnées, Delphine et Hippolyte (Verdammte Frauen, Delphine und Hippolyte), übersetzt von Friedhelm Kemp, in: Charles Baudelaire, Sämtliche Werke/Briefe, Bd. 4, München: Wien, 1991. S. 15-23.

„Mes baisers sont légers comme ces éphémères Qui caressent le soir les grands lacs transparents, Et ceux de ton amant creuseront leurs ornières Comme des chariots ou des socs déchirants.“ [Vers 29-34].

„Va, si tu veux, chercher un fiancé stupide; Cours offrir un coeur vierge à ses cruels baisers; Et, pleine de remords et d' horreur, et livide, Tu me rapporteras tes seins stigmatisés...“ [Vers 69-72].

Vergleiche die Übertragung Baudelaires von Simon Werle ins Deutsche. Semantische Präzision und musikalische Plastizität zeichnen diese Übersetzung aus.

Siehe: Pascal Pia, Baudelaire, Reinbeck 1958, S. 59-62. Siehe weiters: Charles Baudelaire, Über amoureuse Stoffe und Tassaert, in: Charles Baudelaire, Gesammelte Schriften, Bd. 4, übersetzt von Max Bruns, Dreieich 1981, S. 49-54: „Ist es euch wohl schon ergangen wie mir, daß ihr in grosser Melancholie verfallen seid, nachdem ihr Stunden damit verbracht habt, in ausschweifenden Kupferstichen zu blättern (…) An endlosen Winterabenden beim Schein des Feuers, im dumpfen Müßiggang der Hundstage oder an der Ecke der Glaserbudiken, immer hat mich der Anblick dieser Zeichnungen in ein Gefälle unermesslicher Träumerei versetzt - etwa so wie uns ein obszönes Buch in die geheimnisvoll blauenden Meere stürzt (…) Dieses gewaltige Gedicht der Liebe wünsche ich nur von den reinsten Händen ausgeführt, von Ingres, von Watteau, von Rubens und Delacroix!“

„In der Erotologie des Verdammten - so könnte man die von Baudelaire nennen - sind Unfruchtbarkeit und Impotenz die entscheidenden Gegebenheiten. Sie allein sind es, die den grausamen und verrufenen Triebmomenten in der Sexualität den rein negativen Charakter geben. Sie verlieren ihn nämlich im Akt der Zeugung ebenso wie im Aktus des lebenslänglichen Verhältnisses (kurz vor der Ehe). Diese auf lange Sicht gestifteten Wirklichkeiten – das Kind, die Ehe - hätten nicht die geringste Gewähr für ihre Dauer, wenn nicht die destruktivsten Energien des Menschen in ihre Stiftung eingingen, zu deren Solidität sie nicht weniger sondern mehr beitragen als viele andere. In diesem Beitrage aber sind sie so weit legitimiert.“ Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, J 66 a, 9, in: Das Passagen-Werk, Erster Band, Frankfurt a. Main, 1982, S. 438.

Am Gut „Berghof“ hält Berg Hunde, ein Männchen namens Nero und ein Weibchen namens Lulu. Die denkwürdige Zeile Lulu: „das wahre, das wilde schöne Tier“ findet sich bei Frank Wedekind, Die Büchse der Pandora (Prolog des Tierbändigers), in: Ders;„Gesammelte Werke“, München, 1964, S. 193.

Siehe F 21 Berg 1600 (1-109), 1602 (1-31)

Am 26. August 1925 schreibt Berg eine Ansichtskarte der „Villa Nahowski“ an Hanna und Herbert Fuchs: „Umstehendes Landhaus (das meiner Frau und ihren Geschwistern gehört) liegt in einer der eigenartigsten und wundervollsten Gegenden Österreichs. Hier verbringen wir alle Sommer und hier, nur hier möchte ich fast sagen) konnte ich ungestört arbeiten (der ganze Wozzeck ist hier entstanden).”

Bergs Asthma-Attacken intensivieren sich auf den Landsitzen in Trahütten und am Gut „Berghof“ am Ossiacher See. Am 13. Juli schreibt Berg an Helene, seine Ehefrau: „Körperlich fühle ich mich hier [am Gut „Berghof“] denkbar schlecht (…) Zu jeder Bewegung zu schwach, beim Liegen arge Bedrängnis in Lunge und Brust, an ewigen Kartarrhen, Schnupfen und Niesen leidend“. In: Alban Berg, Briefe an seine Frau, München: Wien 1965, S. 601. Die Keucherei übersteht Berg dank Codein-Pulver, Morphium, Brom und Nasenpinselung. In der Oper Lulu schreibt Berg in die Rolle des „Schigolch, ein Greis“ (Hoher Charakterbass) die Atemnot ein. Der Komposition Drei Orchesterstücke, op 6 (1914) gab Berg den inoffiziellen Titel Marsch eines Asthmatikers. Claudio Abbado dirigiert dieses Werk mit Brillanz.

Farb- und Schwarzweiß-Fotodokumente zum „Berghof“ und zur Villa Nahowski in Trahütten siehe Daniel Ender, Eine Bilddokumentation. Zu Hause bei Helene und Alban Berg. Wien, Köln, Weimar 2020. S. 67-86.

Zahlreiche Fotos dokumentieren das „Waldhaus“. Siehe: F21 Berg 3411/3413/3415, 3418, 3423. F21 Berg 3418/1,2 ist beschriftet „Auen, Freitag, 13. April 1934.“ Auf dieser Fotografie sind Helene und Alban Berg im Sportledermantel und das heißgeliebte Ford-Cabriolett mit der Autonummer „A 30576“ zu sehen, auf den Stufen des Hauses die Hausgehilfin Anna Lenz. Bergs Leben im „Waldhaus“ (1932-1935) wurde von der Haushaltsgehilfin Anna Lenz und von seinem Chauffeur Ignaz Franzoy begleitet. Ein Portraitfoto des Lenkers der Pferdestärken ist im Arbeitszimmer des „Waldhauses“ zu sehen.

Im Sommer 1930 bestand Berg die Autolenkerprüfung. Mit Kinderaugen blättert der Autofetischist in Automobilprospekten, ventiliert die Preise, gustiert Karosserieformen und -Farben und umkreist die Objekte seiner Begierde mit braunen und blauen Farbstiften. Auf vielen Fotos begegnet er uns in der mondänen Sportkleidung, er kurvt im Alpenvorland mit der eleganten Ehefrau oder tippt zigarettenrauchend an der „Royal-Schreibmaschine“. Farb- und Schwarzweiß-Fotodokumente zum „Waldhaus“ siehe Daniel Ender, Eine Bilddokumentation. Zu Hause bei Helene und Alban Berg. Wien, Köln, Weimar 2020. S. 87-108.

Die Fotografien, die wir gestreift haben, zeigten einige Episoden und Einzelheiten von Bergs Leben, und wir erkennen physiognomische Stationen: Einen von romantischer Sehnsucht erfüllten Jüngling mit dandyhaften Neigungen, der nach und nach in das wohlabgefederte bürgerliche Leben eines anerkannten Komponisten hineinzuwachsen begann. Der ausgesprochene Sinn für das Feine im Auftreten, in der Kleidung und in der Haushaltsführung kennzeichnen die Ehejahre mit Helene Berg. Was aus Alban Berg in Wahrheit geworden ist, zeigt eine Photographie von Franz Löwy aus dem Jahr 1935: Die Leiden des Alleinseins, sein Mißerfolg in der Liebe zu Hanna Fuchs haben die Gesichtsmuskel, die Mundwinkel und die Augen zu verändern begonnen.

Siehe In: Soma Morgenstern, Alban Berg und seine Idole, Hrsg. Ingolf Schulte, Lüneburg: zu Klampen, 1995, S. 259/260.

Alban nannte Hanna mit dem Kosenamen „Moppinka“. Die Wege von Berg und Fuchs kreuzen sich immer wieder in Wien und Prag, ebenso im Hotel Excelsior am Wörthersee nahe dem „Waldhaus“ in Auen. Die Tragik der Liebe, die Sehnsucht nach dem geliebten, fernen Menschen, die als Motiv in jede andere Form der Kunst quasi von Anbeginn an eingegangen ist, findet im letzten Brief Bergs - geschrieben am 14.12.1934 am weißgefrorenen Wörthersee, zurückgezogen in die Regionen der Eisgebirge - eine beklemmende Intensität.

„In jenem Sommer (1933) sah ich Dich sogar zweimal, aber die Welt, die jeden von uns umgab, trennte uns unerbittlich (…) Später im Winter suchte ich dann auf einem einsamen Spaziergang die Stätten auf, wo Du im Sommer überall geweilt haben mochtest, und da ich die ganze Zeit über hoffte, auch Du würdest einmal - wenigstens vom See vorüberfahrend - das Waldhaus gesehen haben und mein großes Fenster, hinter dem mein Schreibtisch steht.“

„16. Nov. 26 im Zug von Prag nach Pilsen“ [Alban Berg an Hanna Fuchs am 26. November 1926].

„Dritter Brief, in Ruhe zu lesen“ [Berg an Hanna ohne Datum, geschrieben nach dem 11. und vor dem 23. Juli 1925]. Berg steht Baudelaires Dolorismus ganz nahe: „Im Seelischen wie im Körperlichen habe ich immer die Empfindung des Abgrundes gehabt, nicht allein des Abgrundes des Schlafes, sondern auch des Abgrundes der Tätigkeit, des Traumes, der Erinnerung, der Begierde, des Bedauerns, der Reue, des Schönen, der Zahl, u.s.w.“ (Baudelaire, Journaux intimes (Tagebücher)).